Muskelschwund, Cardiolipin-Anhebung

Muskelschwund im Alter: Cardiolipin-Anhebung kehrt Abbau bei MĂ€usen um

Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 17:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine Studie zeigt bei MÀusen, dass teilweise wiederhergestelltes Cardiolipin den Muskelschwund umkehrte; die Wirkung beim Menschen ist ungeklÀrt.
Mikroskopische Aufnahme von Muskelgewebestrukturen und Mitochondrien bei hoher VergrĂ¶ĂŸerung. Illustration mit AI erstellt.

Der altersbedingte Schwund von Muskelmasse und Muskelkraft gilt in der Medizin traditionell als reiner Verfallsprozess. Eine wissenschaftliche Untersuchung der UniversitÀt Kopenhagen legt nun jedoch nahe, dass diese AltersschwÀche der Muskeln zumindest in Teilen eine aktive Schutzreaktion des Organismus darstellt.

Als zentraler Auslöser fĂŒr diesen biologischen Mechanismus wurden sinkende Spiegel des FettmolekĂŒls Cardiolipin identifiziert, das sich in der inneren Membran von Muskelmitochondrien befindet. Die Konzentration dieses Lipids nimmt sowohl bei MĂ€usen als auch beim Menschen im Zuge von Alterungsprozessen und Erkrankungen ab.

ZellulÀre Anpassung und Verschiebung der Fasertypen

Im Rahmen der Forschungsarbeiten fĂŒhrte eine kĂŒnstliche Absenkung der Cardiolipin-Werte bei jungen MĂ€usen dazu, dass sich deren Muskelfasern von schnell zuckenden Fast-Twitch-Fasern zu langsam zuckenden Slow-Twitch-Fasern verschoben. Diese Entwicklung entspricht den Beobachtungen bei einer natĂŒrlichen Alterung. Zugleich wiesen die Mitochondrien der betroffenen Tiere strukturelle AbnormalitĂ€ten auf.

Den zugrunde liegenden Mechanismus treiben reaktive Sauerstoffspezies (ROS) an, die aus den geschÀdigten Mitochondrien entweichen. Koordiniert wird die Umwandlung der Fasern durch das Protein ERR?. Fabian Finger von der UniversitÀt Kopenhagen erklÀrte hierzu, dass die VerÀnderung der Fasern darauf beruhe, gezielt Muskelkraft aufzugeben, um stattdessen den Schutz des Gewebes zu priorisieren.

Zudem wiesen MĂ€use mit einem Mangel an dem Membranlipid eine gesteigerte Glukoseaufnahme auf. Die Tiere nutzten den Zucker jedoch nicht zur Energiegewinnung, sondern investierten ihn in die zellulĂ€re Produktion eigener Antioxidantien. Eine externe Verabreichung von Antioxidantien verbesserte die Situation der Versuchstiere nicht; vielmehr verschlechterte sich der Muskelzustand der MĂ€use, und der schĂŒtzende Fasertypwechsel wurde abgeschwĂ€cht.

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Potenzielle AnsĂ€tze fĂŒr kĂŒnftige Therapien

Die Forschungsergebnisse liefern zugleich Ansatzpunkte fĂŒr therapeutische Interventionen. Sobald die Konzentration von Cardiolipin im Versuch auf etwa zwei Drittel des Normalwerts angehoben wurde, setzte eine Umkehr des Muskelschwunds ein. Zudem verhinderte diese Maßnahme den vorzeitigen Tod der Tiere vollstĂ€ndig.

Zachary Gerhart-Hines von der UniversitĂ€t Kopenhagen hob hervor, dass bereits eine teilweise Wiederherstellung des Cardiolipin-Spiegels genĂŒgte, um die Muskeln zu normalisieren. ZukĂŒnftige Therapien könnten daher auf eine Erhöhung dieses FettmolekĂŒls oder auf eine gezielte Beeinflussung verwandter Proteine abstellen.

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Ein möglicher Angriffspunkt ist das beteiligte Protein ERR?. Es gehört zur Familie der Kernrezeptoren, auf welche schĂ€tzungsweise 10 bis 15 Prozent der von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassenen KleinmolekĂŒl-Medikamente abzielen. Substanzen zur Aktivierung von ERR? befinden sich gegenwĂ€rtig in der prĂ€klinischen Forschung.

FĂŒr die seltene genetische Erkrankung des Barth-Syndroms existiert mit dem Wirkstoff Elamipretide bereits ein Cardiolipin-Stabilisator, der eine beschleunigte Zulassung durch die FDA erhielt. Inwiefern ein solcher Stabilisator auch bei normalem altersbedingtem Muskelschwund wirksam ist, bleibt bislang allerdings unbekannt.

Grenzen der Übertragbarkeit und wissenschaftlicher Rahmen

Die Forscher betonen die Grenzen der bisherigen Datenlage: Menschliche Muskelgewebeproben dienten innerhalb der Studie ausschließlich dem Nachweis, dass der Cardiolipin-Spiegel im Alter tatsĂ€chlich absinkt. Sowohl der festgestellte Schutzmechanismus ĂŒber den Fasertypwechsel als auch die erfolgreiche Umkehrung des Muskelschwunds wurden bisher ausschließlich an MĂ€usen belegt.

Geleitet wurde das Projekt vom NNF Center for Basic Metabolic Research unter Beteiligung von Wissenschaftlern aus mehr als 20 Institutionen. UnterstĂŒtzt und finanziert wurden die Forschungsarbeiten unter anderem von der Novo Nordisk Foundation, dem EuropĂ€ischen Forschungsrat, der Lundbeck Foundation sowie den US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH).

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