Myddosomen: Neue Studie zeigt Angriffspunkt gegen Autoimmunerkrankungen
Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 01:12 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle Forschungsergebnisse des Boston Children's Hospital markieren einen bedeutenden Fortschritt im Verständnis der menschlichen Immunantwort. Eine in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie beschreibt die Entdeckung einer rezeptorfreien Signalübertragung, die für die Entstehung von Entzündungen im Körper essenziell ist. Diese Erkenntnisse könnten die Entwicklung neuer Therapieansätze für Autoimmunerkrankungen grundlegend verändern.
Paradigmenwechsel in der TLR-Signaltransduktion
Die Untersuchung konzentriert sich auf die sogenannten Toll-like Rezeptoren (TLRs), die eine Schlüsselrolle bei der Erkennung von Krankheitserregern spielen. Bisher ging die Fachwelt davon aus, dass die Signalübertragung maßgeblich über die Bindung an diese Rezeptoren erfolgt. Die Forscher am Boston Children's Hospital wiesen jedoch nach, dass TLRs bei Entzündungsprozessen Signalproteine freisetzen.
Dieser rezeptorfreie Zustand ist nach Angaben der Wissenschaftler eine zwingende Voraussetzung für die Bildung des Myddosoms. Dabei handelt es sich um einen Proteinkomplex, der die entzündliche Genexpression innerhalb der Zelle steuert. Ohne die Loslösung von den Rezeptoren unterbleibt die Bildung dieser Myddosomen, wodurch auch die entzündliche Reaktion der Gene ausbleibt.
Die molekulare Mechanik der Myddosomen-Bildung
In der Nature-Studie identifizierte ein Team um die Forscher Fisch et al. durch einen genetischen Screen in Makrophagen den Regulator TRAM als entscheidendes Element für die Assemblierung der Myddosomen. Der Prozess vollzieht sich in mehreren Schritten: Zunächst setzt das Protein TIRAP sogenannte Proto-Myddosomen an der Plasmamembran an. Im weiteren Verlauf sorgt TRAM dafür, dass MyD88 vom TLR-TIRAP-Komplex dissoziiert.
Dieser Vorgang reguliert die Reifung der Proto-Myddosomen zu rezeptorfreien, zytosolischen Myddosomen. Den Forschungsergebnissen zufolge führt ein Fehlen von TRAM zu abnormalen und instabilen Interaktionen von MyD88. Die TRAM-abhängige Aktivität der Myddosomen bestimmt zudem die über mehrere Stunden anhaltende Aktivierung des Transkriptionsfaktors NF-?B sowie die sekundäre Genexpression.
Potenziale für die pharmazeutische Entwicklung
Die Entdeckung der zentralen Rolle des Myddosoms eröffnet neue Perspektiven für die Pharmakologie. Kagan vom Boston Children's Hospital wies darauf hin, dass das Myddosom ein wirksameres therapeutisches Ziel darstellen könnte als die Rezeptoren selbst. Bisherige Therapieversuche, die auf eine Blockade der TLR-Rezeptoren abzielten, zeigten in der Vergangenheit oft nur geringe Erfolge.
Die Studie zeigt: Nicht der Rezeptor selbst, sondern ein rezeptorfreier Zwischenschritt steuert die entzündliche Genexpression. Wer die Mechanik hinter TRAM und den Proto-Myddosomen in drei Schritten nachvollziehen will, findet hier die kompakte Aufbereitung. Kostenlosen Leitfaden zur Nature-Studie anfordern
Pharmakologische Belege stützen diesen neuen Ansatz: In Versuchen mit Mäusen führte die gezielte Störung der Myddosomen dazu, dass bestehende Entzündungen aufgelöst wurden.
Diese Wirkung konnte durch eine reine Beeinflussung der Rezeptorfunktion in dieser Form nicht erreicht werden. Das strategische Ziel der weiteren Forschung liegt nun in der Entwicklung neuer kleiner Moleküle (Small Molecules), die spezifisch an den Myddosomen ansetzen, um Autoimmunerkrankungen effektiver behandeln zu können.
Wissenschaftliche Datengrundlage der Publikation
Die in Nature veröffentlichte Arbeit mit dem Titel „TRAM promotes Toll-like-receptor-free myddosome signal transduction“ (DOI 10.1038/s41586-026-11052-y) basiert auf umfangreichen Analysen.
Bisherige Ansätze, die direkt an den TLR-Rezeptoren ansetzen, erzielten in Versuchen oft nur geringe Erfolge. Die neue Arbeit deutet auf einen anderen Angriffspunkt hin: die gezielte Störung der Myddosomen löste bestehende Entzündungen im Mausmodell auf — ein Weg, der über die reine Rezeptorblockade nicht erreicht wurde. Einordnung zum Myddosom als Therapieziel sichern
Mittels RNA-Sequenzierung (RNA-seq) identifizierten die Forscher 2.380 differentiell exprimierte Gene, wobei die statistische Signifikanz bei einem bereinigten P-Wert (P adj) von unter 0,01 und einer logarithmischen Faltänderung (|log2FC|) von über 1 lag.
Zudem zeigte sich in experimentellen Modellen, dass die chemische Dissoziation zytosolischer Myddosomen bestehende Entzündungsaktivitäten sowohl in-vitro als auch in-vivo erfolgreich störte. Diese Ergebnisse unterstreichen die klinische Relevanz der Myddosomen-Assemblierung als neuen Angriffspunkt für immunmodulatorische Therapien.
