Neuropathische Schmerzen: Mehr als drei Millionen Betroffene in Spanien
Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 01:01 Uhr | Redaktion boerse-global.deSchmerzmediziner und Fachgesellschaften warnen davor, chronische Schmerzen â insbesondere neuropathische Formen â als unausweichliche Begleiterscheinung des Alterns abzutun. Sobald Beschwerden den Alltag beeintrĂ€chtigen, ist eine gezielte fachĂ€rztliche AbklĂ€rung unerlĂ€sslich.
Dr. DarĂo Ballesteros, Leiter der AnĂ€sthesiologie und Schmerzbehandlung am HC Marbella International Hospital, betont, dass Schmerz grundsĂ€tzlich nicht als Normalzustand hingenommen werden sollte. Halten Schmerzen lĂ€nger als drei Monate an, bringen leichte Schmerzmittel keine Besserung oder kehren die Beschwerden regelmĂ€Ăig wieder, sei die Ăberweisung an einen Spezialisten geboten.
Hohe Dunkelziffer und verzögerte Diagnosen
Nach Angaben von Andrea Romera, Schmerzexpertin am Hospital ClĂnica Asturias, unterscheidet sich chronischer Schmerz fundamental von akutem Schmerz: WĂ€hrend akuter Schmerz als Alarmsignal des Körpers fungiert, stellt chronischer Schmerz eine eigenstĂ€ndige Erkrankung dar. Er wird diagnostiziert, wenn Beschwerden mehr als drei Monate andauern oder weit ĂŒber die eigentliche Heilung einer LĂ€sion oder Operation hinaus anhalten.
Als Treiber fĂŒr die Zunahme chronischer Schmerzsyndrome nennt Romera unter anderem den medizinischen Fortschritt, die demografische Alterung, Bewegungsmangel, Adipositas und psychosozialen Stress. Eine verlĂ€ngerte Schonung oder Bettruhe sei dabei kontraproduktiv.
Die epidemiologischen AusmaĂe sind erheblich. Am 17. Oktober 2026 berichtete die Sociedad Española de NeurologĂa (SEN), dass neuropathische Schmerzen weltweit 7 bis 10 % der Bevölkerung und in Spanien mehr als drei Millionen Menschen betreffen, bei jĂ€hrlich rund 400.000 Neuerkrankungen.
Bis zu sechs von zehn FĂ€llen werden laut der Fachgesellschaft erst nach zwei Jahren oder spĂ€ter diagnostiziert. Zudem sei die HĂ€lfte aller Konsultationen in der PrimĂ€rversorgung schmerzbedingt, wobei ein Viertel davon auf neuropathische Schmerzen zurĂŒckgehen könne.
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Auch international zeigen sich Ă€hnliche Dimensionen: Fan Bifa vom nationalen QualitĂ€tskontrollzentrum fĂŒr Schmerzmedizin in China beziffert die Zahl chronischer Schmerzpatienten dort auf ĂŒber 300 Millionen, wovon rund 20 % an neuropathischen Schmerzen leiden. FĂŒr Ăsterreich geht die Ăsterreichische Schmerzgesellschaft (ĂSG) von rund 1,8 Millionen Betroffenen aus.
Gravierende Folgen fĂŒr den Lebensalltag
Die Belastung durch neuropathische Schmerzen, die durch SchÀdigungen oder Erkrankungen des Nervensystems entstehen, ist tiefgreifend. Laut Daten der SEN verzeichnen 85 % der Betroffenen eine stark beeintrÀchtigte LebensqualitÀt: 60 % leiden an Schlafstörungen, rund 40 % an chronischer Fatigue, 34 % an Depressionen und 25 % an AngstzustÀnden. 65 % sahen sich gezwungen, AktivitÀten des tÀglichen Lebens einzuschrÀnken.
Bilena Molina, PrĂ€sidentin der AsociaciĂłn Colombiana de Cuidados Paliativos, erlĂ€utert, dass neuropathische Schmerzen fortbestehen können, selbst wenn die ursprĂŒngliche Verletzung vollstĂ€ndig verheilt ist.
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Das Ziel einer Schmerztherapie dĂŒrfe daher nicht allein in der Reduktion eines Werts auf der Schmerzskala bestehen, sondern mĂŒsse den Erhalt der FunktionsfĂ€higkeit, besseren Schlaf und allgemeine LebensqualitĂ€t fokussieren. Auch Ballesteros hebt hervor, dass das Therapieziel primĂ€r in einer realistischen Besserung des Gesamtzustands liege.
MultidisziplinÀre Konzepte und Behandlungsoptionen
Schmerzbehandlungseinheiten wie jene am HC Marbella International Hospital setzen neben oralen MedikationsplĂ€nen auf Infiltrationen, RĂŒckenmarkstimulatoren und Infusionspumpen. Die Schmerzmedizinerin Dr. ThaĂs Martins verweist zudem auf interventionelle Methoden wie Nervenblockaden, Radiofrequenztherapien und Neuromodulation.
FĂŒr CannabisprĂ€parate bestehe hingegen lediglich bei ausgewĂ€hlten Formen neuropathischer Schmerzen eine begrenzte Evidenz, begleitet von Nebenwirkungen wie SchlĂ€frigkeit und Schwindel.
Wie die Sociedad Española Multidisciplinar del Dolor (Semdor) am 17. Oktober 2026 mitteilte, kennen rund 27,1 % der Betroffenen in Spanien die genaue Ursache ihrer chronischen Schmerzen nicht. Der PrĂ€sident der Gesellschaft, Dr. Luis Miguel Torres Morera, plĂ€diert daher fĂŒr individuelle und multidisziplinĂ€re Therapiepfade.
Auch Schmerzexperte Ricardo Vallejo und Jorge Orduña von MIVI Salud mahnen, dass mangelndes Bewusstsein eine rechtzeitige Behandlung oft verzögere, weshalb frĂŒhe Interventionen notwendig seien, um eine Chronifizierung wirksam zu verhindern.
