Ohr-Akupressur, Studie

Ohr-Akupressur: Studie mit 88 Patienten findet weniger BMI und Kalorien

Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 09:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien untersuchen elektrische Ohrreize zur Appetitkontrolle; Fachleute verweisen zugleich auf begrenzte Evidenz und unseriöse Wellness-Angebote.
Nahaufnahme von kleinen, organischen Samen in einer schlichten Keramikschale auf einem Holztisch in einem hellen Praxisraum. Illustration mit AI erstellt.

Aurikuläre Stimulationstechniken gewinnen zunehmend an Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und der medizinischen Forschung. Getrieben wird das Interesse sowohl durch prominente Fürsprecher als auch durch die Entwicklung neuartiger technischer Hilfsmittel, die über eine gezielte Reizung des Vagusnervs unter anderem den Appetit steuern und den Stoffwechsel beeinflussen sollen.

Prominente Aufmerksamkeit und traditionelle Ohr-Akupressur

Für breite mediale Beachtung sorgte der Tennisprofi Novak Djokovic, der auf dem Platz sogenannte Ohr-Samen einsetzte. Bei diesem traditionellen Verfahren, dem Ear Seeding, werden kleine Pflaster mit Samen der Pflanze Vaccaria oder winzige Metallkügelchen auf definierte Punkte der Ohrmuschel geklebt und mehrmals täglich manuell gedrückt.

Nach Einschätzung von Dr. Neha Chaudhary, einer Spezialistin für Yoga und Akupressur, könnte diese Technik Djokovic während des Turniers in Wimbledon Vorteile verschafft haben. Die Expertin wies darauf hin, dass die Pflaster maximal drei bis fünf Tage auf der Haut verbleiben sollten.

In ostasiatischen Traditionen finden ähnliche Ansätze Anwendung: Koreanische Ohrnadeln und Ohrpflaster sollen das Sättigungsgefühl fördern und das Hungergefühl dämpfen. Als zentrale Punkte gelten dabei der Hungerpunkt in der Mitte des Ohrläppchens hinter dem Haaransatz sowie der Magenpunkt oberhalb der Ohrmuschelmitte.

Verwandte Methoden reichen von Reiskorn-Pflastern, die in koreanischen Unterhaltungsformaten wie der Sendung Get It Beauty vorgestellt und von Mitgliedern der Musikgruppe Girl’s Generation genutzt wurden, bis hin zur chinesischen Fadenimplantation sowie Magnetsteinen mit Ferninfrarot-Emission.

Bei korrekter Handhabung gilt die Ohr-Akupressur als weitgehend risikoarm. Dennoch raten Fachkreise bei Ohrinfektionen, Hautallergien, Blutgerinnungsstörungen sowie während einer Schwangerschaft von der Anwendung ab.

Klinische Ansätze zur Appetitregulierung

Neben manuellen Drucktechniken rücken zunehmend apparative Verfahren zur elektrischen Nervenstimulation in den Blickpunkt. Auf dem Forum „Nationale Gesundheit — 2026“ stellten russische Wissenschaftler ein Verfahren zur Gewichtsreduktion mittels eines speziellen Ohr-Clips vor. Dabei wird zehn Minuten vor jeder Mahlzeit eine Elektrode an der Ohrmuschel angebracht, um den Vagusnerv nichtinvasiv zu stimulieren.

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Mikhail Novikov vom Nationalen Medizinischen Forschungszentrum für Therapie und Präventivmedizin (NMIZ) führte aus, dass die kurzzeitige Reizung vor dem Essen das Hungergefühl dämpfe und über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten zu einer messbaren Reduktion des Body-Mass-Index (BMI) führe. Grund dafür seien eine verringerte Kalorienaufnahme sowie ein verändertes Ernährungsverhalten.

Wissenschaftliche Daten dazu lieferte eine Dissertationsstudie von Elizaveta Rogozhkina: In einer Untersuchung mit 88 Patienten, die an Adipositas ersten Grades litten, bewirkte die echte Stimulation im Vergleich zu einer Kontrollgruppe eine signifikante Senkung des BMI und der täglich aufgenommenen Kalorien. Die Methode sei primär als flankierende Zusatztherapie konzipiert.

Technische Entwicklungen und wissenschaftliche Einordnung

Auch in anderen Bereichen der Neurotechnologie wird an ohrbasierten Lösungen geforscht. Das Industrial Technology Research Institute (ITRI) stellte ein digitales Therapiesystem gegen generalisierte Angststörungen vor.

Wie Projektmanager Hu Chang-lin erläuterte, stimuliert das Gerät den Vagusnerv über das Ohr, um das autonome Nervensystem auszubalancieren und eine überschießende Aktivität des Sympathikus zu dämpfen. Das System erfasst Vitalparameter wie die Herzratenvariabilität sowie Photoplethysmographie-Daten in Echtzeit und soll als bezahlbare Heimanwendung dienen.

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In Deutschland erforschen Arbeitsgruppen um Prof. Dr. Elmar Peuker von der Hochschule Fresenius und Prof. Dr. Timm Filler von der Universität Düsseldorf mikroskopische Nervenstrukturen im Ohrgewebe mittels immunhistochemischer Färbungen, um präzise In-Ear-Therapiegeräte nach Vorbild von Kopfhörern zu entwickeln.

Das Duo hatte bereits im Jahr 2001 eine wegweisende Untersuchung zur Anatomie der Ohrnerven vorgelegt. Die Relevanz solcher Verfahren ist groß: Den Daten der Deutschen Schmerzgesellschaft zufolge sind mehr als 17 Prozent der Bundesbürger von chronischen Schmerzen betroffen, während Zahlen der AOK den Anteil depressiver Störungen auf rund 12,5 Prozent beziffern.

Trotz des Potenzials mahnen Mediziner zur Differenzierung. Dr. Pranesh Raman betonte, dass es für die behauptete Organsteuerung über Ohr-Akupressur bislang keinen etablierten wissenschaftlichen Mechanismus gebe; viele Studien seien methodisch limitiert oder wiesen geringe Teilnehmerzahlen auf.

Zudem nutzen Anbieter auf Plattformen wie TikTok oder Instagram den Trend und bewerben ungeprüfte Entspannungsmethoden oder Gerätschaften. Während der Neurochirurg Dr. Kevin Tracey bereits in den 1990er-Jahren entdeckte, dass Vagusnerv-Reizungen Entzündungsreaktionen dämpfen können, warnt er zugleich vor unseriösen Wellness-Versprechen und rät Verbrauchern zu einer kritischen Haltung gegenüber ungeprüften Produkten.

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