Protein-Boom: Instantkaffee wÀchst um 427 Prozent
Veröffentlicht: 09.07.2026 um 18:53 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Was einst als SportlerernĂ€hrung begann, ist zum Massenmarkt geworden. Hersteller benennen Produkte um, Startups entwickeln innovative Alternativen, und die EU legt eine neue Proteinstrategie vor. Doch ErnĂ€hrungsexperten warnen vor ĂŒbertriebenen Versprechungen.
Neu vermarktet: Harzer KĂ€se wird zum âQuĂ€se Proteinâ
Der Trend zeigt sich deutlich im Supermarktregal. Harzer KÀse wird ohne RezepturÀnderung plötzlich als QuÀse Protein verkauft. Verbraucher reagieren laut Marktbeobachtungen von Nielsen IQ verstÀrkt auf solche Gesundheitsversprechen auf den Verpackungen.
Die Nachfrage ist so hoch, dass es bereits LieferengpÀsse gibt: Im Juli 2026 wurde von Versorgungsproblemen bei Skyr-Produkten berichtet. Besonders extrem ist das Wachstum bei angereicherten GetrÀnken. Instantkaffee mit Protein-Aufschrift verzeichnete ein Verkaufsplus von 427 Prozent.
Trotz einer allgemeinen Kaufkraftstagnation â fast 60 Prozent der Menschen fĂŒhlten sich Ende 2025 Ă€rmer als fĂŒnf Jahre zuvor â sind Konsumenten bereit, fĂŒr Protein-Produkte tiefer in die Tasche zu greifen. Auch pflanzliche Alternativen profitieren. Das Berliner Startup vly brachte Anfang Juli neue vegane Joghurtalternativen auf den Markt und vermeldete fĂŒr Dezember 2025 bis MĂ€rz 2026 eine Absatzsteigerung von 145 Prozent.
Kreislaufwirtschaft: Bierabfall wird zur Milchalternative
Neben etablierten Konzernen drĂ€ngen Startups mit technologischen Innovationen in den Markt. Das MĂŒnchner Unternehmen Circular Grain hat ein Verfahren entwickelt, um MalzabfĂ€lle aus Brauereien in eine Milchalternative namens Tremi zu verwandeln.
Das Produkt punktet mit einem höheren Proteingehalt und weniger Zucker als herkömmliche Haferdrinks. Zudem soll die Produktion im Vergleich zu anderen Alternativen 90 Prozent weniger Wasser verbrauchen. Eine clevere Kombination aus Nachhaltigkeit und Protein-Trend.
EU will unabhĂ€ngiger werden â vor allem bei Soja
Der Protein-Hype erreicht neue Dimensionen: Instantkaffee mit Protein wuchs um 427 %. Doch wie viel EiweiĂ brauchen Sie wirklich â und welche Produkte lohnen sich? Unser kostenloser Guide liefert die Antworten. Jetzt Protein-Guide anfordern
Am 8. Juli 2026 veröffentlichte die EU-Kommission einen Aktionsplan zur StĂ€rkung der europĂ€ischen Proteinversorgung. Das zentrale Ziel: die AbhĂ€ngigkeit von Importen â insbesondere bei Soja â reduzieren. Der Selbstversorgungsgrad bei Futtermittelproteinen soll von aktuell 25 Prozent auf 35 Prozent bis 2035 steigen.
Der Fokus liegt auf dem verstĂ€rkten Anbau von Erbsen, Soja und Raps innerhalb der EU sowie auf strategischen Partnerschaften mit der Ukraine und den Mercosur-Staaten. BranchenverbĂ€nde wie BALPro, ProVeg und die EuropĂ€ische Vegetarier-Union begrĂŒĂten die Initiative grundsĂ€tzlich.
Allerdings kritisieren sie die mangelnde Verbindlichkeit fĂŒr Lebensmittelproteine. WĂ€hrend fĂŒr Futtermittel klare Quoten definiert wurden, fehlen fĂŒr pflanzliche Proteine in der menschlichen ErnĂ€hrung konkrete Zielwerte. Ab 2027 sollen Mittel aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) als Anreize dienen.
Was sagt die Wissenschaft?
Ist der Hype um Protein-Produkte gerechtfertigt? Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft fĂŒr ErnĂ€hrung (DGE) betont: Eine normale, ausgewogene ErnĂ€hrung deckt den Proteinbedarf in der Regel vollstĂ€ndig. Spezielle Zusatzprodukte seien oft ĂŒberflĂŒssig.
Kritische Stimmen weisen zudem auf den Einfluss der Fleisch- und Milchlobby auf ErnĂ€hrungsrichtlinien hin und warnen vor einem ĂŒbermĂ€Ăigen Fokus auf einzelne NĂ€hrstoffe. Dennoch gibt es medizinische Anwendungsbereiche, in denen eine eiweiĂreiche ErnĂ€hrung Vorteile zeigt.
Eine im Fachmagazin JAMA veröffentlichte Studie der UniversitĂ€t Paris-Saclay untersuchte die Wirkung bei Reflux-Erkrankungen. Ein ErnĂ€hrungsprogramm, das eiweiĂreich sowie fett- und zuckerarm war, erzielte nach drei Monaten eine deutlich höhere Ansprechrate als die Behandlung mit gĂ€ngigen Medikamenten.
Trotz DiĂ€t kein Erfolg? Schuld könnten epigenetische Faktoren sein. Forscher der ETH ZĂŒrich fanden: Fettzellen speichern Ăbergewicht bis zu zwei Jahre. Unser Guide zeigt, wie Sie mit der richtigen Proteinzufuhr den Jojo-Effekt vermeiden. Jojo-Effekt-Guide jetzt sichern
Auch beim Gewichtsmanagement spielt Protein eine Rolle. Forscher der ETH ZĂŒrich stellten fest, dass Fettzellen epigenetische Markierungen von Ăbergewicht bis zu zwei Jahre nach einer Gewichtsabnahme behalten können â das begĂŒnstigt den Jojo-Effekt. Experten des Deutschen Zentrums fĂŒr Diabetesforschung (DZD) empfehlen zur Vermeidung dieses Effekts neben Bewegung eine ausreichende EiweiĂzufuhr bei moderatem Kaloriendefizit.
Der globale Markt fĂŒr Protein-Supplemente unterstreicht die wirtschaftliche Dimension: Nach einem Volumen von rund 24,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 wird bis 2035 ein Anstieg auf etwa 45,7 Milliarden US-Dollar erwartet. Der Protein-Boom ist also noch lange nicht vorbei â auch wenn die Wissenschaft weiterhin zur Differenzierung zwischen Marketing und tatsĂ€chlichem Bedarf mahnt.
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