Protein, Experten

Protein im Alter: Experten empfehlen über 65-Jährigen 1,0 bis 1,2 Gramm

Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 13:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine Übersichtsarbeit sieht mögliche Vorteile einer geringeren Proteinzufuhr, doch ein längeres Leben ist beim Menschen nicht belegt.
Laborumgebung mit Glasbechern auf einer weißen Oberfläche bei natürlichem Licht. Illustration mit AI erstellt.

Eine proteinreiche Ernährung gilt in Fitnesskreisen und im gesellschaftlichen Trend längst als Schlüssel zu Fitness und Gesundheit. Doch wissenschaftliche Untersuchungen zeichnen ein differenzierteres Bild.

Eine im Jahr 2026 im Fachjournal Cell Press Blue erschienene Übersichtsarbeit von Bailey A. Knopf und Dudley W. Lamming von der University of Wisconsin–Madison stellt den aktuellen Hype um eine stetig steigende Eiweißzufuhr infrage.

Die Forschenden werteten für ihre Analyse mehr als 350 wissenschaftliche Arbeiten aus und kamen zu dem Ergebnis, dass eine geringere Proteinzufuhr Stoffwechselprozesse positiv beeinflussen und die gesunde Lebensspanne verlängern könnte.

Erkenntnisse aus Tiermodellen und molekulare Mechanismen

Die Auswertung von Knopf und Lamming stützt sich vor allem auf deutliche Hinweise aus Untersuchungen an Hefen, Fliegen und Nagetieren. Beim Menschen liegen zwar erste Ergebnisse vor, ob ein reduzierter Eiweißkonsum letztlich tatsächlich zu einem längeren Leben führt, bleibt wissenschaftlich jedoch noch unberücksichtigt beziehungsweise ungeklärt.

Als zentrale Mechanismen nennt die Übersichtsarbeit verringerte Wachstumsreize, einen besseren Energieverbrauch sowie eine verbesserte Blutzuckerregulation in Tiermodellen. Zudem wurde bei einer niedrigen Proteinzufuhr ein Anstieg des Hormons FGF21 verzeichnet, was sich auch bei Menschen beobachten ließ.

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Besondere Aufmerksamkeit widmen die Forschenden spezifischen Aminosäuren wie Methionin, Isoleucin und Valin. Die Kernaussage der Analyse lautet, dass mehr Eiweiß nicht automatisch besser sei. Wer im Alltag bereits ausreichend Proteine über die Nahrung aufnehme, ziehe demnach nicht zwangsläufig einen gesundheitlichen Nutzen aus zusätzlichen Proteinprodukten.

Widersprüchliche Daten und differenzierte Dosierungen

Unterstützung erhält diese Sichtweise unter anderem von Valter Longo, dem Direktor des Longevity Institute an der University of Southern California. Nach dessen Einschätzung zeige die Analyse von 100 Jahren Altersforschung, dass eine sehr proteinreiche Ernährung keineswegs eindeutig als gesundheitsfördernd bezeichnet werden könne; der konsistenteste Befund bleibe die Kalorienrestriktion.

Über 100 Studien belegen Longo zufolge, dass eine Restriktion von Proteinen und Aminosäuren bei Mäusen und Ratten die Lebensspanne verlängere. Eine proteinarme, aber bedarfsdeckende Zufuhr von 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht liefere in klinischen Studien hervorragende Ergebnisse.

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Gleichzeitig verweist die Forschung auf differenzierte Anforderungen je nach Lebensphase und Aktivitätsniveau:

  • Im Vereinigten Königreich liegt die Referenzzufuhr für Erwachsene bei 0,75 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht täglich, was bei einem Körpergewicht von 70 Kilogramm etwa 53 Gramm entspricht.
  • Eine Auswertung von 49 Studien mit 1.863 Teilnehmenden zeigte, dass Proteinsupplemente in Kombination mit Krafttraining Muskelkraft und -masse verbesserten, ab etwa 1,6 Gramm pro Kilogramm täglich jedoch keine weiteren Zuwächse an fettfreier Masse mehr erzielt wurden.
  • Für gesunde Erwachsene über 65 Jahren empfiehlt eine internationale Expertengruppe hingegen rund 1,0 bis 1,2 Gramm Protein pro Kilogramm täglich in Verbindung mit Bewegung, um altersbedingtem Muskelabbau und Gebrechlichkeit vorzubeugen.

Der Blick auf den gesamten Lebensstil

Angesichts eines weltweiten Marktes für Proteinpulver von rund 20 Milliarden US-Dollar warnen Fachleute zudem davor, dass ein Überkonsum auch Risiken wie Nieren- und Verdauungsprobleme bergen kann. Zudem verweisen Mediziner darauf, Ernährungsfragen nicht isoliert zu betrachten.

Michael Denkinger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, gab zu bedenken, dass die Annahme, Ernährung allein mache für ein langes gesundes Leben den entscheidenden Unterschied, oft überschätzt werde.

Soziale Faktoren, Optimismus, Bewegung sowie der Verzicht auf das Rauchen spielten eine ebenso wesentliche Rolle für eine hohe Lebenserwartung. Vor rigorosen allgemeinen Ernährungsempfehlungen seien daher weitere kontrollierte Studien am Menschen erforderlich.

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