Schlaf und Gehirn: Eine Nacht ohne Schlaf erhöht Beta-Amyloid
Veröffentlicht am: 07.09.2026 um 11:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Neurologische Experten weisen verstĂ€rkt auf die Verbindung zwischen chronischen Schlafproblemen und einem erhöhten Risiko fĂŒr kognitiven Abbau sowie die Alzheimer-Krankheit hin. Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen untersuchen dabei spezifische Mechanismen im Gehirn, die durch Schlafmangel oder eine gestörte SchlafqualitĂ€t beeinflusst werden.
Kognitiver Abbau durch gestörte Aufwachreaktionen
Eine in der Fachzeitschrift âSleepâ veröffentlichte Studie der UniversitĂ€t LĂŒttich untersuchte den Zusammenhang zwischen Schlafmustern und dem genetischen Alzheimer-Risiko. An der Untersuchung nahmen 453 jĂŒngere sowie 87 Ă€ltere Erwachsene teil.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass hĂ€ufigere Aufwachreaktionen ohne eine Erhöhung des Muskeltonus bei Ă€lteren Personen mit einem höheren genetischen Risiko fĂŒr Alzheimer, schlechteren kognitiven FĂ€higkeiten und deutlichen EinbuĂen ĂŒber einen Zeitraum von bis zu sieben Jahren korrelieren. Im Gegensatz dazu erwiesen sich Aufwachreaktionen, die mit einem erhöhten Muskeltonus einhergingen, in der Studie als vorteilhaft.
ErgĂ€nzende Erkenntnisse lieferte eine PET-Studie an 20 gesunden Erwachsenen im Alter zwischen 22 und 72 Jahren, die in den âProceedings of the National Academy of Sciencesâ (PNAS) erschien. Laut den Untersuchungen fĂŒhrt bereits eine einzige Nacht mit Schlafentzug zu einem Anstieg von Beta-Amyloid im rechten Hippocampus und im Thalamus.
Langzeitstudien untermauern diese Beobachtungen: Schlechter Schlaf im mittleren Lebensalter erhöhe das Risiko fĂŒr spĂ€tere Amyloid-Ablagerungen signifikant. Eine ĂŒbermĂ€Ăige TagesschlĂ€frigkeit wird dabei mit einer fast dreifachen Wahrscheinlichkeit fĂŒr erhöhte Amyloid-Werte assoziiert.
Die Rolle von Orexin und Schlafspindeln
In der Fachzeitschrift âNeurologyâ veröffentlichte Daten einer Untersuchung an 60 Patienten ab 60 Jahren mit leichter bis mittlerer Alzheimer-Symptomatik zeigen, dass die Konzentration von Orexin im Liquor mit der Krankheitsprogression zusammenhĂ€ngt.
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Höhere Orexin-Werte wurden ĂŒber einen Zeitraum von drei Jahren mit einem stĂ€rkeren Fortschreiten der Erkrankung in Verbindung gebracht. Dieser Zusammenhang war jedoch schwĂ€cher ausgeprĂ€gt, wenn eine stĂ€rkere AktivitĂ€t von Schlafspindeln und langsamen Oszillationen im Tiefschlaf vorlag. Die Studie hielt zudem fest, dass die Orexin-Konzentration bei Frauen tendenziell höher ist.
Eine weitere prospektive Kohortenstudie mit 85 Patienten, die im Durchschnitt 71,3 Jahre alt waren, untersuchte die Kopplung von Schlafspindeln. Ein erhöhter Wert von Plasma-p-tau217 war mit einer schlechteren kognitiven Leistung assoziiert.
Eine verminderte Kopplung zwischen Schlafspindeln und langsamen Oszillationen konnte dabei 24 Prozent dieser Assoziation erklÀren. Besonders starke Effekte wurden bei Patienten mit therapierefraktÀrer Epilepsie beobachtet.
Strukturelle VerÀnderungen und prÀventive AnsÀtze
Forschungen der UniversitĂ€t Oslo, die in âNature Neuroscienceâ veröffentlicht wurden, basieren auf Daten aus fast 20 Jahren. Bei Personen, die spĂ€ter Amyloid-Ablagerungen entwickelten, war die Hirnrinde bereits sieben Jahre vor dem Nachweis der Ablagerungen dicker und dĂŒnnte in der Folge langsamer aus als bei Vergleichspersonen.
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Ein Teil dieser VerĂ€nderungen der Hirnrinde verlief unabhĂ€ngig von der tatsĂ€chlichen Amyloidmenge. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2026 beschreibt zudem, dass sich das Gehirn ab etwa 50 Jahren verĂ€ndert: Die Zahl der Mikroglia nimmt ab, wĂ€hrend entzĂŒndungsfördernde Immunzellen auftreten.
Im Bereich der PrĂ€vention und Risikominimierung zeigen sich verschiedene AnsĂ€tze. Eine Studie der Brown University mit ĂŒber 500.000 Pflegeheim-Patienten ab 66 Jahren assoziiert die Shingrix-Impfung gegen GĂŒrtelrose mit einem um 24 Prozent geringeren Demenzrisiko nach vier Jahren.
Ein kausaler Zusammenhang ist hier jedoch noch nicht bewiesen. Das Unternehmen Roche hat zudem in GroĂbritannien die Preventron-Studie gestartet, bei der 1600 gesunde Personen zwischen 55 und 80 Jahren ĂŒber vier bis sechs Jahre prĂ€ventiv mit Trontinemab oder einem Placebo behandelt werden.
Demografische Faktoren und Versorgungsmodelle
Die Relevanz dieser Forschung wird durch demografische Daten unterstrichen. In der Schweiz leben etwa 160.000 Menschen mit Demenz, wobei jÀhrlich 35.000 Neuerkrankungen verzeichnet werden. Daten aus Stanford belegen zudem geschlechtsspezifische Unterschiede: Frauen mit einer Kopie des ApoE-4-Gens haben ein etwa doppelt so hohes Alzheimer-Risiko wie MÀnner. In den USA sind fast zwei Drittel der Patienten Frauen.
Parallel zur medizinischen Forschung entwickeln sich spezialisierte Versorgungsmodelle wie das Demenzdorf âThe Hogeweykâ bei Amsterdam oder das Modell âTönebönâ in Deutschland.
In diesen Einrichtungen bestimmen Menschen mit Demenz ihren Alltag weitgehend selbst, wobei die Eigenanteile fĂŒr die Bewohner je nach Standort und Modell stark variieren können. In Deutschland wurde fĂŒr das Modell Tönebön im Jahr 2025 ein höchster Eigenanteil von 4244 Euro ausgewiesen.
