Schlafapnoe, Retatrutid

Schlafapnoe: Retatrutid senkt Atemaussetzer um bis zu 34 Ereignisse pro Stunde

Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 15:31 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In zwei 80-wöchigen Studien verringerte Retatrutid Atemaussetzer und Körpergewicht stärker als Placebo; eine Zulassung besteht bislang nicht.
Ein minimalistisch eingerichtetes Schlafzimmer bei Nacht mit sanftem Mondlicht, das durch ein Fenster fällt. Illustration mit AI erstellt.

Der experimentelle Wirkstoff Retatrutid kann die Schwere einer obstruktiven Schlafapnoe (OSA) deutlich verringern. Wie am 21. Oktober 2026 im Fachjournal New England Journal of Medicine publizierte und auf dem 28. Kongress der European Sleep Research Society präsentierte Daten zeigen, senkte der dreifache Hormonrezeptor-Agonist den Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) in zwei Phase-3-Studien über 80 Wochen hinweg signifikant stärker als ein Placebo.

Das vom Pharmaunternehmen Eli Lilly entwickelte Präparat wirkt gleichzeitig auf die Rezeptoren von GIP, GLP-1 und Glukagon. Bislang ist Retatrutid in keinem Land zugelassen. Die neuen Ergebnisse liefern nun detaillierte Einblicke in das Potenzial des Dreifach-Agonisten bei schlafbezogenen Atmungsstörungen.

Deutliche Senkung der nächtlichen Atemaussetzer

Die klinische Erprobung erfolgte in den Studien TRIUMPH-1-OSA mit 243 Erwachsenen ohne Typ-2-Diabetes und TRIUMPH-2-OSA mit 448 Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes. Beide Kohorten wiesen zu Beginn einen Body-Mass-Index von mindestens 27 sowie eine mittelschwere bis schwere Schlafapnoe auf.

Der durchschnittliche Ausgangs-AHI lag bei 58,6 Ereignissen pro Stunde in der Gruppe ohne Diabetes sowie bei 55,9 Ereignissen pro Stunde bei den Teilnehmenden mit Diabetes. Das Ausgangsgewicht betrug 119,6 kg beziehungsweise 115,9 kg.

Über den Behandlungszeitraum von 80 Wochen zeigte sich eine dosisabhängige Wirkung auf den AHI, der mittels Polysomnographie zu Studienbeginn sowie in Woche 24 und Woche 80 erfasst wurde:
- In der Gruppe ohne Diabetes (TRIUMPH-1-OSA) ging der AHI unter 9 mg um 34,3 und unter 12 mg um 31,7 Ereignisse pro Stunde zurück, während die Reduktion unter Placebo bei 9,9 lag (p<0,001).

Unter 4 mg lag der Rückgang bei -22,9.
- Der Unterschied zu Placebo in TRIUMPH-1-OSA betrug unter wöchentlich 9 mg 24,4 AHI-Ereignisse pro Stunde (95%-KI -34,1 bis -14,7) und unter 12 mg -21,9 (KI -32,2 bis -11,5).
- In der Gruppe mit Diabetes (TRIUMPH-2-OSA) betrug die AHI-Änderung -19,2 (4 mg), -24,7 (9 mg) und -25,4 (12 mg) gegenüber -10,3 unter Placebo (p<0,001).

Höhere Dosierungen senkten die Atemaussetzer im Schnitt um rund 25 Ereignisse pro Stunde (etwa 40 % Reduktion) gegenüber rund 10 unter Placebo. Bei der 4-mg-Dosis ging der Wert um etwa 23 Ereignisse pro Stunde zurück.

Zudem halbierten 52 bis 66 % der Teilnehmenden ohne Diabetes unter 9 oder 12 mg ihre nächtlichen Atemaussetzer. Die hypoxische Last sank unter Retatrutid um rund 63 bis 75 %, verglichen mit 26 bis 30 % unter Placebo.

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Krankheitsremission und Gewichtsverlust

Eine Remission der OSA oder ein Übergang zu einer leichten Ausprägung ohne Tagesschläfrigkeit erreichten unter 9 mg 51,6 % der Patienten ohne Diabetes (Placebo: 12,5 %) sowie 39,5 % der Probanden mit Diabetes (Placebo: 12,6 %). Über die Hochdosisgruppen hinweg betraf dies 39 bis 52 % der Behandelten gegenüber etwa 13 % in den Placebogruppen.

Parallel dazu ging das Körpergewicht je nach Therapiegruppe um circa 12 bis 22 % zurück (Placebo: ca. 5 bis 6 %). Ohne Diabetes lag der Gewichtsverlust bei 22,2 % (9 mg) und 20,6 % (12 mg) gegenüber 4,8 % unter Placebo; die 4-mg-Dosis erzielte rund 12,5 % Gewichtsverlust. Mit Diabetes betrugen die Werte 17,9 % (9 mg) und 18,5 % (12 mg) gegenüber 5,6 % unter Placebo.

In Fachkreisen wird diskutiert, ob die Verbesserung der Schlafapnoe vollständig auf die Gewichtsabnahme zurückzuführen ist; ein zusätzlicher eigenständiger Wirkmechanismus gilt bislang als spekulativ.

Nebenwirkungsprofil und Einordnung

Schwere unerwünschte Ereignisse traten bei 8 % der Behandelten unter Retatrutid und bei 10 % unter Placebo auf. Es wurde ein bestätigter Fall von Pankreatitis verzeichnet. Die am häufigsten beobachteten Nebenwirkungen betrafen den Magen-Darm-Trakt und fielen überwiegend mild bis moderat aus.

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Beide Studien wurden von Eli Lilly finanziert, wobei Mitarbeiter des Unternehmens auch zu den Autoren der Publikation zählen. Das Prüfpräparat wurde ausschließlich gegen Placebo und nicht direkt gegen die Standardtherapie mit CPAP-Atemmasken getestet. Ein eigenmächtiges Absetzen von CPAP durch Patienten ist auf Basis der Daten nicht belegt.

Experten weisen darauf hin, dass ohne direkte Vergleichsstudien kein Vorteil gegenüber Tirzepatid (Zepbound) belegbar ist. Zepbound senkte den AHI in Zulassungsstudien über 52 Wochen um etwa 20 bis 24 Ereignisse pro Stunde und besitzt derzeit als einziges Medikament eine offizielle Zulassung zur OSA-Behandlung.

Laut einem Bericht vom 24. Oktober 2026 plant Eli Lilly, im ersten Quartal 2027 bei der US-Arzneimittelbehörde FDA Zulassungsanträge für Retatrutid bei Schlafapnoe, Adipositas sowie Osteoarthritis-Schmerz einzureichen.

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