Schlafdauer: Warum sieben bis neun Stunden keine Regel fĂŒr alle sind
Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 05:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn der Schlafforschung setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass es keine pauschale ideale Schlafdauer fĂŒr alle Menschen gibt. Fachleute aus Medizin und Chronobiologie betonen, dass die Ausrichtung an individuellen biologischen BedĂŒrfnissen und festen Rhythmen wesentlich bedeutsamer fĂŒr die Gesundheit ist als das Festhalten an starren Zeitvorgaben.
Der Mythos der pauschalen Vorgaben und des Nachschlafens
Die weit verbreitete Annahme, jeder Erwachsene benötige exakt acht Stunden Schlaf, gilt in der Wissenschaft inzwischen als ĂŒberholt. Wie der Schlaf- und Chronobiologie-Spezialist Gregorio Mora darlegt, benötigen Erwachsene meist zwischen sieben und neun Stunden Schlaf.
Entscheidend sei jedoch nicht allein die Gesamtdauer, sondern der Zeitpunkt des Schlafs. Ein festes Aufstehen um fĂŒnf Uhr morgens sei nur fĂŒr Personen ratsam, deren biologischer Rhythmus dies erlaube.
Mora warnt zudem vor dem sogenannten sozialen Jetlag â etwa fĂŒnf Stunden Schlaf an Werktagen und ohne zehn Stunden am Wochenende â, da eine sogenannte Schlafhypothek biologisch nicht existiere. Melatonin sei ferner kein Schlafmittel und sollte nur nach fachlicher AbwĂ€gung supplementiert werden.
Auch der Schlafmediziner Alex FerrĂ© MasĂł unterstreicht, dass der individuelle Bedarf variiert, und vergleicht diesen mit spezifischen Waschprogrammen. Wer bei einem Bedarf von acht Stunden regelmĂ€Ăig nur von Mitternacht bis sechs Uhr schlafe, baue tĂ€glich ein Defizit auf, das sich am Wochenende kaum ausgleichen lasse. Der wichtigste Parameter fĂŒr ausreichenden Schlaf sei das tĂ€gliche Aufwachen zur selben Uhrzeit.
Die Schlafforscherin Christine Blume von der UniversitĂ€t Basel weist darauf hin, dass Schlaf oft schlechter werde, sobald er zu viel Aufmerksamkeit erhalte. Anstelle starrer Regeln empfiehlt sie die Bestimmung des eigenen Chronotyps ĂŒber den fast 50 Jahre alten Fragebogen Morningness-Eveningness Questionnaire (MEQ).
Ein regelmĂ€Ăiger Rhythmus mit maximal 30 Minuten Abweichung und Bewegung bei Tageslicht seien meist ausreichend. Technische Hilfsmittel wie Smartwatches oder KlanggerĂ€te fĂŒr rund 30 Franken böten laut Studien in der Regel keinen Nutzen; ein ruhiges Zimmer oder Ohrenstöpsel seien wirksamer.
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WÀhrend Baldrian wissenschaftlich nicht gut belegt sei und Schlafmittel nur rein symptomatisch wirkten, gelte bei chronischer Insomnie die kognitive Verhaltenstherapie als medizinische Leitlinie, bei der die Bettzeit zunÀchst auf sechs Stunden komprimiert werde.
Statistische ZusammenhĂ€nge bei Schlafmangel und SchlafĂŒberschuss
GroĂe epidemiologische Untersuchungen zeigen wiederkehrende Muster bezĂŒglich der Schlafdauer. Eine Analyse von 16 Studien ĂŒber zehn Jahre mit Daten von ĂŒber einer Million Personen unter der Leitung von Franco Cappuccio an der UniversitĂ€t Warwick ergab, dass Personen mit weniger als sechs Stunden Schlaf pro Nacht eine um 12 Prozent höhere Sterblichkeit aufwiesen als die Gruppe mit sechs bis acht Stunden.
Bei mehr als acht Stunden Schlaf lag die Sterblichkeit um 30 Prozent höher, was nach EinschÀtzung von Cappuccio hÀufig auf vorbestehende Gesundheitsprobleme hindeutet.
Zu einer Ă€hnlichen Bewertung gelangt Schlafforscher Masashi Yanagisawa von der UniversitĂ€t Tsukuba. Die statistisch höchste Lebenserwartung bei Personen mit sieben Stunden Schlaf beruhe primĂ€r darauf, dass weniger als sechs Stunden zu chronischem Schlafmangel fĂŒhre, wĂ€hrend ĂŒberlange Schlafzeiten von acht bis neun Stunden oft Ausdruck bestehender Leiden seien.
Eine Studie der Central South University und der Tsinghua-UniversitĂ€t im Fachjournal npj Aging ermittelte zudem ein U-förmiges SchwĂ€cherisiko: Bei unter sieben Stunden stieg das Risiko auf das 2,05-Fache, bei ĂŒber neun Stunden um etwa 45 Prozent gegenĂŒber der Zeitspanne von sieben bis neun Stunden.
In einer Untersuchung in Scientific Reports mit 9.641 Personen im Alter von 40 bis 69 Jahren war das GesamtmortalitĂ€tsrisiko bei mehr als acht Stunden Schlaf um 27 Prozent erhöht, wobei sich bei Frauen langlebiger unregelmĂ€Ăiger und bei MĂ€nnern kurzer unregelmĂ€Ăiger Schlaf als besonders ungĂŒnstig erwies.
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Schlafmuster im Alter und Wege zur individuellen Dauer
Die verbreitete Ansicht, dass Menschen im Alter grundsÀtzlich deutlich weniger Schlaf benötigen, trifft nur bedingt zu. Zwar nimmt der Bedarf von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter ab, stabilisiert sich danach jedoch hÀufig bei sieben bis neun Stunden.
Der Schlafpsychologe Amit Green erklĂ€rt, dass Ă€ltere Erwachsene hĂ€ufiger frĂŒher einschlafen und aufwachen, da unter anderem die Melatonin-Sekretion nachlasse und trĂŒbere Augenlinsen weniger Licht durchlieĂen.
WĂ€hrend Green fĂŒr Ă€ltere Menschen teils sechs bis sieben Stunden nennt, empfiehlt das US-amerikanische National Institute on Aging weiterhin sieben bis neun Stunden. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2004 im Journal Sleep mit 3.577 Teilnehmenden bestĂ€tigte, dass nach dem 60. Lebensjahr vor allem die Schlafeffizienz signifikant abnimmt.
Um die persönliche Schlafdauer verlĂ€sslich zu bestimmen, schlĂ€gt Yanagisawa vor, die Zubettgehzeit schrittweise um 30 Minuten vorzuverlegen oder ĂŒber vier Tage hinweg ohne Wecker zu schlafen, da sich am vierten Tag die tatsĂ€chliche Bedarfsdauer einstelle. ErgĂ€nzend betonen Fachleute regelmĂ€Ăige Lichtreize am Morgen, den Verzicht auf spĂ€ten Koffein- und Alkoholkonsum sowie eine kĂŒhle Schlafumgebung.
