Senioren in Wohnungsnot: 38% bleiben über ein Jahr obdachlos
Veröffentlicht am: 26.08.2026 um 18:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Zahl älterer Menschen ohne gesicherte Wohnung wächst kontinuierlich. Ein Statistikbericht der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) zeigt, dass der Anteil der über 50-Jährigen an allen Menschen in Wohnungsnot von 21 Prozent im Jahr 2004 auf inzwischen 27 Prozent gestiegen ist. Die Organisation fordert angesichts dieser Entwicklung mehr Prävention und mehr bezahlbaren, altersgerechten Wohnraum.
Ältere Betroffene besonders lange ohne Wohnung
Nach Angaben der BAG W sind 38 Prozent der über 50-Jährigen in Wohnungsnot seit über einem Jahr ohne eigene Wohnung – deutlich mehr als bei den 25- bis 49-Jährigen, von denen 27 Prozent so lange betroffen sind.
Zusätzlich verschärfen gesundheitliche und finanzielle Probleme die Lage: 16 Prozent der älteren Betroffenen verfügen über einen Schwerbehindertenausweis, und jede zweite über 50-jährige Person in Wohnungsnot ist überschuldet.
Die Kombination aus langer Verweildauer in prekären Wohnverhältnissen, gesundheitlichen Einschränkungen und finanzieller Überforderung macht deutlich, dass ältere Menschen in der Wohnungsnot mit besonderen Hürden beim Wiedereinstieg in ein reguläres Wohnverhältnis konfrontiert sind.
Strukturelle Ursachen: Wohnungsmangel und steigende Mieten
Der Befund der BAG W fügt sich in ein breiteres Bild eines angespannten Wohnungsmarkts. Der Bau-Monitor 2026 des Pestel-Instituts beziffert das bundesweite Wohnungsdefizit Ende 2025 auf rund 1,35 Millionen Wohnungen.
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Für das laufende Jahr rechnet das Institut nur mit rund 185.000 neuen Wohnungen, während Fachleute einen Bedarf von 400.000 Einheiten pro Jahr sehen. Regional konzentriert sich der Mangel besonders auf Nordrhein-Westfalen mit einem Defizit von 360.000 Wohnungen, Bayern mit 220.000, Rheinland-Pfalz mit 130.000 und Berlin mit 60.000 fehlenden Wohnungen.
Das Pestel-Institut verweist zudem auf einen Bedarf von 350.000 Zuwanderern pro Jahr für den Bausektor und schlägt vor, Baukosten über den vereinfachten Gebäudetyp E um bis zu 30 Prozent zu senken. Gleichzeitig wurde die Wohnungsbauförderung von 3,4 Milliarden auf 2 Milliarden Euro gekürzt.
Auf politischer Seite kündigte Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) für den Herbst ein Konzept für eine staatliche Wohnungsbaugesellschaft an, mit dem serieller Wohnungsbau und Aufträge im großen Stil ermöglicht werden sollen.
Berlin als Beispiel für den angespannten Markt
Wie stark sich die Lage in einzelnen Städten zuspitzt, zeigt das Beispiel Berlin. Dort stiegen die Angebotsmieten im Median von 9,00 Euro pro Quadratmeter im Jahr 2016 auf 15,78 Euro im Jahr 2025. Bei Neubauten lag die Angebotsmiete 2025 bei 19,97 Euro pro Quadratmeter – ein Anstieg von 58 Prozent seit 2016. Die Bestandsmieten bewegten sich laut dem Immobilienverband BBU zum 30. Juni 2025 bei durchschnittlich 7,10 Euro pro Quadratmeter.
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Parallel dazu hat sich die Zahl der Sozialwohnungen in Berlin von 180.500 im Jahr 2020 auf 97.000 im Jahr 2024 mehr als halbiert. Als Reaktion gelten in der Hauptstadt eine Mietpreisbremse bis 2029 sowie eine Kappungsgrenze von 15 Prozent innerhalb von drei Jahren.
Wohnsituation auch abseits der Wohnungslosigkeit prekär
Wohnungsnot im Alter zeigt sich nicht nur in fehlenden Wohnungen, sondern auch in schwierigen Verhältnissen innerhalb bestehender Wohnstrukturen. In einem Hochhaus der städtischen Wohnungsgesellschaft Howoge in Berlin-Hohenschönhausen berichten Bewohnerinnen und Bewohner von Einbrüchen, Brandstiftungen, Drogenhandel und Obdachlosen im Keller.
Eine seit 1989 dort lebende 85-jährige Mieterin wünschte sich mehr Zusammenhalt im Haus, das auch vom CDU-Spitzenkandidaten Kai Wegner-Herausforderer Evers besucht wurde.
Die BAG W sieht in ihrem Bericht die strukturellen Defizite als Warnsignal: Ohne verstärkte Prävention und ohne ein deutlich größeres Angebot an bezahlbarem, altersgerechtem Wohnraum dürfte sich der Anteil älterer Menschen in Wohnungsnot in den kommenden Jahren weiter erhöhen.
