Verschreibungskaskaden: Studie identifiziert 24 riskante Medikamentenfolgen
Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 11:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Fachleute warnen vor den Risiken sogenannter Verschreibungskaskaden, bei denen unerwünschte Nebenwirkungen fälschlicherweise als eigenständige Symptome interpretiert und mit zusätzlichen Arzneimitteln therapiert werden.
Zugleich weisen Experten auf ungleiche Sicherheitssignale bei etablierten Wirkstoffklassen wie etwa ACE-Hemmern hin. Die Zunahme von Mehrfachmedikationen und unzureichende Kontrollen bestehender Verordnungen stellen Gesundheitssysteme vor wachsende Herausforderungen.
Unerkannte Nebenwirkungen treiben Folgetherapien an
Eine unter der Leitung von Dr. Paula Rochon durchgeführte und im Fachjournal BMJ publizierte Studie identifizierte 24 häufige und potenziell schädliche Verschreibungskaskaden. Die Forscher hatten dazu 65 potenziell unangemessene Kaskaden mit Verordnungsdaten auf Populationsebene von ICES in Ontario abgeglichen.
Als typisches Beispiel nannten die Wissenschaftler die Gabe von nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAIDs), die den Blutdruck steigern können. Dieser Anstieg werde häufig fälschlicherweise als neue Hypertonie diagnostiziert und mit weiteren Präparaten behandelt.
Die Studie legte zudem erhebliche Kommunikationslücken offen: Mediziner berücksichtigten demnach oft nicht, wann und aus welchem Grund ein Wirkstoff ursprünglich angesetzt worden war.
Frauen seien davon besonders stark betroffen, da sie häufiger an chronischen Erkrankungen litten, mehr Arzneimitteltherapien erhielten und in höherem Maße unerwünschte Arzneimittelereignisse entwickelten. Um diesen Dynamiken entgegenzuwirken, empfahl das Forscherteam automatisierte klinische Entscheidungshilfen sowie eine stärkere Einbindung von Apothekern in den Behandlungsprozess.
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Fortgeführte Therapien ohne regelmäßige Neubewertung
Zu den weiteren Treibern einer ausufernden Medikation gehört die dauerhafte Weiterführung befristeter Therapien. Die spanische Gesellschaft für Primärversorgungs-Apotheker (SEFAP) wies darauf hin, dass ursprünglich zeitlich begrenzte Behandlungen häufig jahrelang ohne ausreichende Neubewertung fortgesetzt würden.
Laut einer kanadischen Studie mit einer Kohorte von über 50.000 Erwachsenen in der Primärversorgung betraf diese Praxis 46 Prozent der Behandlungen mit Antidepressiva, 45 Prozent der Verschreibungen von Protonenpumpenhemmern und 14 Prozent der Therapien mit Bisphosphonaten.
Die Präsidentin der Fachgesellschaft, Mercedes Pereira, hob hervor, dass die Verordnungsdauer eine ebenso relevante Quelle unangemessener Medikation darstelle wie Fehldosierungen, Interaktionen oder Duplizitäten. Vor diesem Hintergrund initiierte die SEFAP eine fachliche Informationsreihe, die sich zu Beginn dem Thema der Verschreibungskaskaden widmete.
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Gezieltes Absetzen im multiprofessionellen Team
Um arzneimittelbedingte Schäden einzudämmen, plädieren Experten für strukturierte Überprüfungen und das gezielte Absetzen nicht mehr indizierter Präparate.
Eine am 25. September 2026 von Dr. Cheryl Sadowski an der University of Alberta publizierte Richtlinie betonte die Dringlichkeit regelmäßiger Kontrollen: In Kanada habe im Jahr 2021 bis zu ein Viertel der älteren Erwachsenen zehn oder mehr Medikamentenklassen eingenommen.
Häufige Kandidaten für eine Therapieüberprüfung seien Schlafmittel, Protonenpumpenhemmer gegen Sodbrennen sowie Schmerzmittel wie Opioide oder Gabapentin.
Bei solchen Überprüfungen sollten auch rezeptfreie Produkte, pflanzliche Heilmittel und der Alkoholkonsum berücksichtigt werden. Um Entzugs- oder Rebound-Effekte zu vermeiden, dürfe kein abruptes Absetzen erfolgen; stattdessen seien schrittweise Dosisanpassungen im Team nötig.
Dass kooperative Modelle wirksam sind, belegte eine Studie im Journal JAMA Network Open zur schrittweisen Reduktion von Opioiden und Benzodiazepinen bei älteren Menschen: Über 70 Prozent der von Apothekern formulierten Empfehlungen wurden von den behandelnden Ärzten tatsächlich umgesetzt. Insbesondere ein stationärer Krankenhausaufenthalt biete eine wertvolle Gelegenheit, um die gesamte Medikation individuell und fachübergreifend neu zu bewerten.
