Zellverjüngung, Studie

Zellverjüngung: Studie senkt molekulares Alter um mehr als 60 Jahre

Veröffentlicht am: 02.11.2026 um 04:14 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Umprogrammierte Zellen älterer Spender zeigten jüngere epigenetische Merkmale und könnten die Erforschung neurodegenerativer Erkrankungen unterstützen.
Nahaufnahme einer sterilen Laborschale mit biologischen Zellkulturen auf einem beleuchteten weißen Untergrund. Illustration mit AI erstellt.

Die gezielte Reprogrammierung von Körperzellen gilt in der biomedizinischen Forschung als zentraler Schlüssel, um zelluläre Alterungsprozesse besser zu verstehen.

Eine im Oktober 2026 im Fachjournal Aging Cell veröffentlichte Studie der Universität Bonn und der RWTH Aachen liefert dazu neue Einblicke: Den Forschenden gelang es, erythroide Vorläuferzellen von Menschen unterschiedlichen Alters direkt in neurale Stammzellen umzuwandeln und dabei deren molekulare Uhr signifikant zurückzudrehen.

Molekulare Verjüngung um mehrere Jahrzehnte

Für die Untersuchung nutzten die Wissenschaftlerteams erythroide Vorläuferzellen von insgesamt 15 Spendern, deren Alter von Neugeborenen bis hin zu 101 Jahren reichte. Mithilfe eines viralen Vektors und der Transkriptionsfaktoren SOX2 sowie c-MYC wurden die Ausgangszellen direkt in neurale Stammzellen umprogrammiert.

Die Analysen zeigten bemerkenswerte Veränderungen des epigenetischen Alters. So erreichten die reprogrammierten Zellen eines 80-jährigen Spenders ein molekulares Alter von unter 20 Jahren, was biologisch dem Zustand eines 19-Jährigen entsprach – ein rechnerischer Rückgang um mehr als 60 Jahre.

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In frühen Kultivierungsphasen lag das epigenetische Alter im Mittel bei etwa 13 Prozent des chronologischen Ausgangsalters. Auch die Zellen von über 100-jährigen Spendern wiesen nach dem Eingriff deutliche Jugendmerkmale auf. Zudem zeigte sich der Verjüngungseffekt selbst dann, wenn die Zellteilung experimentell gehemmt wurde.

Verlauf und zelluläre Anpassungen im Labor

Bereits nach etwa 12 Tagen traten bei den behandelten Zellen spezifische neurale Proteine auf. Ein wesentlicher Teil der ursprünglichen molekularen Unterschiede zwischen jungen und alten Ausgangszellen hatte sich nach etwa 50 Tagen zurückgesetzt. Das veränderte Muster der Genaktivität und die niedrigen epigenetischen Alterswerte blieben über einen Zeitraum von mehr als 100 Tagen stabil. Parallel dazu wiesen die Zellen eine reduzierte mitochondriale Toxizität auf.

Oliver Brüstle vom Institut für Rekonstruktive Neurobiologie am Universitätsklinikum Bonn, dessen Team bereits 2024 neurale Stammzellen aus Blutzellen mittels Transkriptionsfaktoren erzeugt hatte, betonte im Rahmen einer Mitteilung, dass sich die Zellen epigenetisch wie junge Zellen verhalten. Ein entscheidender Vorteil des Verfahrens liege darin, dass es eine kontinuierliche Beobachtung der Zellen über mehr als 100 Tage hinweg erlaube.

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Grenzen des Verfahrens und medizinische Perspektiven

Trotz der deutlichen Laborergebnisse weisen die beteiligten Institutionen auf klare Einschränkungen hin. Die biologischen Altersspuren verschwinden bei dem Verfahren nur teilweise; Schäden im Erbgut, die sich über Jahrzehnte hinweg angesammelt haben, bleiben in den Zellen weiterhin bestehen.

Zudem müssen mögliche mathematische Verzerrungen bei den Messungen, das Fehlen natürlich gealterter neuraler Vergleichsstammzellen sowie die prinzipiellen Unterschiede zwischen Laborbedingungen (in vitro) und lebenden Organismen (in vivo) berücksichtigt werden.

Die Forschungsergebnisse bedeuten keineswegs eine Verjüngung der Spender oder eine einsatzbereite Therapie. Es handelt sich weder um ein Anti-Aging-Medikament noch konnte eine Verlängerung der Lebensspanne oder eine Verjüngung ganzer Organe nachgewiesen werden; reprogrammiert wurden ausschließlich isolierte Laborzellen.

Fachleute sehen in den Erkenntnissen jedoch eine wichtige Grundlage für die Modellierung und Erforschung neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer, da gealtertes Gewebe nun im Labor in einem funktionell jüngeren Zustand untersucht werden kann.

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