Präsentismus, Reform

Präsentismus: 95 Prozent arbeiten krank – Reform mit Attestpflicht geplant

Veröffentlicht: 18.07.2026 um 07:39 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Bundesregierung plant Attestpflicht ab Tag eins und Abschaffung telefonischer Krankschreibungen. Kritiker warnen vor mehr Präsentismus.

Arbeitsrechtsreform: Strengere Regeln fĂĽr Krankschreibungen geplant
Eine Hand hält eine ärztliche Bescheinigung (Attest) vor dem verschwommenen Hintergrund eines modernen Büros. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) treibt eine Attestpflicht ab dem ersten Tag und die Abschaffung telefonischer Krankschreibungen voran. Arbeitnehmervertreter und Mediziner warnen vor mehr Präsentismus – dem Arbeiten trotz Krankheit.

Verschärfung der Nachweispflichten

Die Pläne sehen vor, den Missbrauch von Krankschreibungen einzuschränken. Online-Krankschreibungen ohne persönlichen Arztkontakt sollen unterbunden werden. Solche Praktiken seien bereits nach aktueller Rechtslage problematisch und könnten in Einzelfällen fristlose Kündigungen rechtfertigen. Videosprechstunden bleiben hingegen als zulässige Form des Arztkontakts erhalten.

Ein zentraler Punkt ist die generelle Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag. Zudem steht die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung im Raum. Warken kündigte an, gemeinsam mit Arbeitsministerin Bas nach Lösungen zu suchen. Ziel sei es, die Interessen der Arbeitgeber zu berücksichtigen, ohne die Arztpraxen zu überlasten. Als mögliche Option nannte die Ministerin die Einführung von Karenztagen.

Parallel dazu ist eine Zuckersteuer auf süße Getränke geplant. Die Einnahmen werden auf rund 650 Millionen Euro beziffert und sollen dem Gesundheitswesen zugutekommen.

Daten belegen hohes Maß an Präsentismus

Die politischen Bestrebungen treffen auf eine Arbeitswelt, in der Arbeiten trotz Krankheit weit verbreitet ist. Eine Analyse der Arbeiterkammer Oberösterreich für 2025 zeigt: 72 Prozent der Beschäftigten gingen im Vorjahr krank zur Arbeit. 2015 lag dieser Wert noch bei 30 Prozent, 2020 überschritt er die 50-Prozent-Marke.

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Besonders betroffen sind Branchen wie die Arbeitskräfteüberlassung mit durchschnittlich 21 Krankenstandstagen sowie Post- und Kurierdienste mit 20,7 Tagen. Eine bundesweite Umfrage vom Juni 2026 stützt diese Befunde: 95,2 Prozent der befragten Erwerbstätigen gaben an, mindestens einmal trotz Krankheit gearbeitet zu haben.

Als HauptgrĂĽnde nannten die Befragten hohen Rechtfertigungsdruck bei Krankmeldungen und die BefĂĽrchtung beruflicher Nachteile. Ăśber 74 Prozent berichteten von negativen Reaktionen ihrer Vorgesetzten auf Krankmeldungen. Laut Daten des BKK Dachverbands lag der durchschnittliche Krankenstand 2025 bei 5,83 Prozent. Psychische Erkrankungen haben seit 2016 um mehr als 50 Prozent zugenommen.

Kritik an den Reformplänen

Gewerkschaften und Fachleute äußerten deutliche Kritik an der geplanten Attestpflicht ab dem ersten Tag. Ein Arbeitswissenschaftler bezeichnete das Vorhaben als nicht evidenzbasiert. Er warnte, dass die Dauer der Krankschreibungen sogar steigen könnte, da Ärzte bei einem Praxisbesuch häufig für mehrere Tage krankschreiben würden.

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Der DGB betonek, dass Krankheit kein Disziplinproblem sei. Die telefonische Krankschreibung mache lediglich 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen aus. Juristische Experten einer internationalen Anwaltskanzlei wiesen darauf hin, dass bei einer Attestpflicht ab Tag eins das Mitbestimmungsrecht des Betriebsrats zu beachten sei.

In der Praxis müssten Ausnahmen für Wochenendarbeit, Schichtdienst oder ländliche Regionen mit geringer Ärztedichte geschaffen werden. Sollte ein geforderter Nachweis nicht erbracht werden, behalten sich Arbeitgeber das Recht vor, die Entgeltfortzahlung vorerst zurückzuhalten.

Weitere Reformelemente

Neben den Regelungen zum Krankenstand umfasst die geplante Reform auch eine Ausweitung der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverhältnissen auf bis zu 48 Monate bei insgesamt sechs möglichen Verlängerungen. Bis zum 1. September 2029 soll zudem die digitale Arztüberweisung schrittweise flächendeckend eingeführt werden, um bürokratische Abläufe in den Praxen zu reduzieren.

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