Probiotika: EFSA stuft alle geprüften Gesundheitsversprechen negativ ein
Veröffentlicht am: 02.11.2026 um 16:05 Uhr | Redaktion boerse-global.deLebensmittel mit probiotischen Zusätzen und fermentierte Produkte erfreuen sich anhaltender Beliebtheit, doch die wissenschaftliche und rechtliche Bewertung zeichnet ein ernüchterndes Bild. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bewertet alle bislang geprüften Aussagen über die angebliche Wirkung von Probiotika negativ.
Aus rechtlicher Sicht gilt die Bezeichnung „Probiotika“ auf Verpackungen sogar als nicht zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Der einzige von der EFSA bisher anerkannte Effekt bezieht sich auf drei Stämme von Milchsäurebakterien, für die der Hinweis zulässig ist, dass sie die Laktoseverdauung fördern.
Fehlende Nachweise für allgemeine Heilsversprechen
Die Diskrepanz zwischen Werbeversprechen und fundierter Studienlage betrifft viele Bereiche. So zeigen zwei Übersichtsarbeiten, dass probiotische Lebensmittel keinen relevanten Beitrag zur Gewichtsreduktion leisten; im Vergleich zu einem Placebo lag der Gewichtsverlust bei unter einem Kilogramm innerhalb eines halben Jahres.
Auch ein dänisches Forscherteam wies umfassende Heilkräfte probiotischer Erzeugnisse als weitgehend unbelegt zurück und betonte, dass derartige Produkte allenfalls bei spezifischen Verdauungsbeschwerden wie Durchfall oder Reizdarmsyndrom Nutzen stiften.
Fachleute weisen zudem darauf hin, dass Begriffe wie „Superfood“ reine Marketingbezeichnungen ohne wissenschaftliche Grundlage seien. Bei Trendgetränken wie Kombucha fehlen laut dem Voedingscentrum sowie Einschätzungen von Fachleuten ebenfalls ausreichende Nachweise für angebliche Gesundheitswirkungen.
Zudem ist im Handel angebotener Kombucha zumeist pasteurisiert; eine unkontrollierte Selbstfermentation birgt wiederum Risiken durch unerwünschte Bakterien, während ein extrem hoher Konsum aufgrund des Säuregehalts Organe belasten kann.
Der Unterschied zwischen fermentierten Lebensmitteln und Probiotika
Wissenschaftliche Organisationen wie die International Scientific Association for Probiotics and Prebiotics (ISAPP), die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) sowie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definieren strenge Kriterien für echte Probiotika: Notwendig sind ein exakt identifizierter Bakterienstamm und ein wissenschaftlich dokumentierter Wirknachweis am Menschen.
Seit 2020 wurde etwa die Gattung Lactobacillus taxonomisch in 25 Gattungen unterteilt, wodurch beispielsweise Lactobacillus rhamnosus nun als Lacticaseibacillus rhamnosus geführt wird.
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Die ISAPP empfiehlt, herkömmliche fermentierte Lebensmittel mit lebensfähigen Mikroorganismen lediglich als Produkte mit lebenden und aktiven Kulturen zu bezeichnen, anstatt ihnen pauschale Gesundheitswirkungen zuzuschreiben.
Zudem bedeutet fermentiert keineswegs automatisch, dass lebende Kulturen im Endprodukt enthalten sind: Hitzebehandelte Lebensmittel wie pasteurisiertes Sauerkraut, Brot, Bier, Wein oder Essig enthalten nach der Verarbeitung keine lebensfähigen Mikroorganismen mehr.
Spezifische Stämme statt Universallösungen
In der medizinischen Praxis existiert kein universell wirksames Probiotikum. Für therapeutische Zwecke zählt nicht die Bakterienspezies im Allgemeinen, sondern die konkrete Cepa beziehungsweise der spezifische Stamm, da Ergebnisse nicht übertragbar sind.
Bestimmte Stämme besitzen für eng umrissene Anwendungsfelder klinische Nachweise:
- Lactobacillus rhamnosus GG sowie Saccharomyces boulardii CNCM I-745 bei Antibiotika-assoziierter Diarrhö
- Limosilactobacillus reuteri DSM 17938 bei Säuglingskoliken
- Bifidobacterium animalis subsp. lactis BB-12 zur Unterstützung der Stuhlfrequenz
- Bifidobacterium longum 35624 und Lactiplantibacillus plantarum 299v bei Beschwerden wie Blähungen und Bauchschmerzen
Experten raten bei der gezielten Produktauswahl dazu, sich nach konkreten gesundheitlichen Zielen statt nach hohen Bakterienzahlen zu richten. Dabei sollte der Stamm klar deklariert sein und die Dosierung in koloniebildenden Einheiten (KBE) bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum garantiert werden; eine Kapsel schütze die empfindlichen Kulturen im Magen meist effektiver als Pulver.
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Ernährung als Basis für die Darmflora
Obwohl nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) rund 70 Prozent der Immunzellen im Darm angesiedelt sind, können Nahrungsergänzungsmittel eine ausgewogene Lebensweise nicht ersetzen.
Die DGE empfiehlt den täglichen Verzehr fermentierter, pflanzlich betonter und ballaststoffreicher Lebensmittel über mehrere Wochen hinweg, um Effekte zu erzielen. Bei akuter Magen-Darm-Grippe oder bestehender Immunschwäche sollte der Konsum hingegen vorab ärztlich geklärt werden.
Fachleute warnen zudem davor, Probiotika isoliert zu betrachten: Ohne präbiotische Ballaststoffe aus Obst, Gemüse, Vollkorn und Hülsenfrüchten fehle den Mikroorganismen die Nahrungsgrundlage. Erwachsene sollten täglich etwa 30 Gramm Ballaststoffe zu sich nehmen.
Gleichzeitig erfordert der Konsum Maß, da sehr große Mengen fermentierter Speisen durch Inhaltsstoffe wie Histamin oder Salz Nebenwirkungen wie Blähungen oder Blutdruckprobleme begünstigen können. Bei ernsten Symptomen wie Blut im Stuhl, Fieber oder unerklärlichem Gewichtsverlust ist stets eine ärztliche Diagnose erforderlich.
